Ilvy

die kleine Wölfin


Ilvy und die Plüschtierkrise

Ilvy ist offiziell eine Hündin. Inoffiziell ist sie ein Ereignis, für das Versicherungen noch keine Kategorie gefunden haben.
Sie besitzt fast fünfzig Plüschtiere. FAST FÜNFZIG!
Niemand weiss genau, wie viele es sind.
Die Zahl verändert sich.
Manche tauchen plötzlich wieder auf. Andere verschwinden.
Ein Seepferdchen wurde zuletzt 2024 gesehen. Es gilt offiziell als vermisst.
Andere Hunde haben einen Ball. Vielleicht noch eine Decke und ein Körbchen.
Ilvy betreibt ein mittelständisches Kuscheltierwaisenhaus mit angeschlossener Forensik.
Wer die Wohnung betritt, denkt zunächst: „Ach wie süss, Stofftiere!“
Zehn Minuten später fragt man sich: „Warum starrt mich dieser Waschbär so vorwurfsvoll an?“
Überall sitzen und liegen sie herum: Bären, Hasen, Schafe, ein fragwürdig optimistisches Alpaka und ein Oktopus mit drei Armen.
Neue Kuscheltiere betreten die Wohnung mit der unschuldigen Zuversicht junger Berufseinsteiger.
Flauschig. Weich. Fluffig. Voluminös. Sie haben Rundungen. Sind biegsam. Sie riechen nach Stoffladen, Hoffnung und Lebensfreude.
Sie haben Ideale. Ziele. Ambitionen. Träume. Glänzendes Fell und Zukunftspläne.
Dann begegnen sie Ilvy. Sie wirkt freundlich. Sogar niedlich.
Dann nimmt sie Blickkontakt auf.
Und plötzlich versteht jeder Plüschhase instinktiv, warum Antilopen vor Löwen weglaufen.
Innerhalb weniger Sekunden beginnt die Transformation.
Aus Flausch wird Feuchtigkeit. Aus Weichheit wird Statik.
Nach sieben Sekunden in ihrer Obhut sehen sie aus, als hätten sie drei Scheidungen und einen Häuserkampf hinter sich.
Aus einem Teddybären wird ein überraschend schweres Objekt mit der Oberflächenstruktur eines alten Turnschuhs.
Aus dem flauschigen Häschen wird eine feuchte geometrische Form. Beim Umfallen klingt es wie Laminat.
Aus dem niedlichen Schaf wird ein Gegenstand mit der Haptik eines Gartenstuhls.
Das Einhorn entwickelt die Konsistenz von Knäckebrot.
Der Fuchs macht beim Fallen inzwischen das Geräusch eines Wörterbuchs.
Was einst ein flauschiger Bär war, ist danach ein längliches, feuchtes Brett mit der Konsistenz einer schlecht isolierten Dachlatte.
Der Koala arbeitet heute als Türstopper.
Und wenn man das Erdmännchen über den Teppich zieht, entstehen Funken.
Heute haben die Plüschtiere Oberflächenbeschaffenheit. Sie sind nicht mehr weich. Sie sind lackiert.

Der Speichel allein wäre bereits ein Problem.
Ilvy produziert Mengen davon, für die andere Hunde eine Betriebsgenehmigung bräuchten.
Der Speichel ist inzwischen auf mehreren Seekarten eingezeichnet und hat mittlerweile ein eigenes Ökosystem entwickelt.
Die Experten prüfen den Antrag auf Naturschutzgebiet.

Besonders gefürchtet ist die sogenannte Ilvy-Zentrifuge.
Dabei wird das Opfer aufgenommen, mit einem irren Funkeln betrachtet und anschliessend mit einer Rotationsgeschwindigkeit geschleudert, die normalerweise nur Satelliten vorbehalten ist.
Danach klatscht irgendwo im Haus etwas gegen eine Wand.
Gefürchtet ist auch der sogenannte Ilvy-Express.
KLATSCH gegen die Wand.
KLATSCH gegen den Schrank. Bis heute erinnern sich ältere Möbelstücke an dieses Geräusch.
KLATSCH Die Zimmerpflanze spricht noch immer nicht darüber.
KLATSCH gegen die Realität.
Physiker der ETH Zürich sprechen von einem lokalen Zusammenbruch der bekannten Naturgesetze.
Überall liegen sie. Regungslos, starr und mit diesem Blick, den nur Stofftiere haben, die Dinge gesehen haben.
Ein Pinguin liegt im Besteckkasten. Er war vermutlich auf der Flucht. Man wird es nie erfahren.
Ein Oktopus klebt seit Monaten an der Decke.
Niemand mehr stellt Fragen. Man akzeptiert gewisse Dinge irgendwann einfach.

Besonders tragisch war der Fall des Einhorns. Es kam wunderschön hier an. Majestätisch. Elegant. Mit wallender Mähne. Heute sieht es aus wie ein schlecht gelaunter Jute-Sack.

Nachts treffen sich die Überlebenden heimlich.
Der Hase ohne Ohren. Der Bär ohne Würde. Der Frosch ohne erkennbare Form. Die Ente, die nur noch aus Kopf und Charakter besteht.
Sie sprechen leise miteinander.
„Vielleicht hat sie genug.“
„Vielleicht sammelt sie jetzt Paninibildchen.“
„Vielleicht entdeckt sie das Stricken.“
Dann hört man es. Tapp – Tapp – Tapp. Stille.
Und eine Stimme, die man nicht hört, aber spürt:
„Der Wal sieht heute erstaunlich gut aus.“
Am nächsten Morgen liegt der Wal quer auf dem Flur, hart wie Parkett und mit der Miene eines Tieres, das Steuererklärungen machen musste.

Es gibt mittlerweile Bereiche der Wohnung, die offiziell als Friedhof der Kuscheltiere gelten.
Dort liegen sie. Der speckige Wal. Der versteifte Igel. Der ehemalige Flamingo, der heute eher wie eine beleidigte Socke aussieht.
Und mittendrin sitzt Ilvy. In den Trümmern ihrer Arbeit. Stolz. Glücklich. Zufrieden. Mit dem Gesichtsausdruck eines Hundes, der soeben die Welt vor einer gefährlichen Stoffente gerettet hat.
Sie betrachtet ihr Werk wie eine Künstlerin ihre Skulpturen.
Dann schaut sie langsam zum Regal.
Dort sitzt noch ein neuer Panda. Flauschig. Weich. Naiv.
Der Panda lächelt.
Ilvy lächelt zurück.

Protokoll der geheimen Versammlung der Kuscheltiere im Wohnzimmer

Falls dieses Protokoll gefunden wird: Sie kommt meistens von links. Niemand weiss warum.
Mein Name ist Bruno. Ich war einmal ein Bär. Heute bin ich hauptsächlich Erinnerung.
Als ich hier einzog, war ich weich. Flauschig. Meine Herstellerbeschreibung lautete: „Besonders kuschelig.“
Heute würde ich mich eher als „leicht feucht und überraschend kantig“ bezeichnen.
Damals wussten wir noch nichts von Ilvy.
Sie sass da. Freundlich. Niedlich. Harmlos.
Mit diesem Blick, der sagte: „Na, wer bist denn du?“
Was sie tatsächlich meinte, war: „Interessant. Du erreichst vermutlich eine gute Flugbahn.“
Ihr Blick zeigte reine, ungebremste Begeisterung.
Die Wissenschaft bezeichnet diesen Zustand inzwischen als: Vorfreude auf Ereignisse.
Karl, das Einhorn, verschwand zuerst.
Wir hörten nur noch: WUSCH – KLATSCH und anschliessend:
„Hihi!“
Später fanden wir ihn hinter dem Wäscheständer.
Er war nicht mehr derselbe. Er sprach nie wieder über Wolken.
Dann traf es Herbert, den Fuchs. Herbert war jung, hatte Träume. Er wollte eines Tages Sparfuchs werden. Heute ist Herbert so voller Speichel, dass er bei hoher Luftfeuchtigkeit wieder zu wachsen beginnt.
Es wurde immer schlimmer.
Ilvy entwickelte Techniken.
Es gab die klassische Wandklatsche.
Den Rückhandwirbler.
Den Doppelsalto des Schicksals.
Den Flurkatapult.
Den Schleudergang Premium.
Und natürlich: den verbotenen Doppelschrauben-Küchenzeppelin.
Der Einsatz dieser Technik ist eigentlich durch mehrere internationale Abkommen untersagt.
Der berühmteste Vorfall war die Schlacht um den Wäscheständer.
Der junge Pinguin Uwe. Ein letztes Mal blickte er zu uns zurück.
“Vielleicht will sie nur kuscheln.” Das waren seine letzten Worte.
Uwe erreichte eine Höhe von etwa vier Metern.
Er umrundete den Wäscheständer zweimal. Überholte kurz seine eigene Flugbahn. Und landete schliesslich auf dem Kühlschrank.
Dort blieb er. Nicht freiwillig. Aber irgendwann richtet man sich ein.
Er behauptet, die Aussicht sei schön.
Und natürlich gibt es da noch den gefürchteten Helikopter des Jammers.
Dabei verliert man jedes Gefühl für Raum und Zeit und entwickelt plötzlich Interesse an Astronomie.
Otto, der Elefant, behauptet, er habe dabei kurz die Alpen gesehen.
Otto übertreibt allerdings oft. Vor allem seit dem Vorfall mit der Zimmerpflanze.
Der Rekord liegt übrigens bei 14 vollständigen Umdrehungen pro Sekunde.
Der Elch erreichte kurzzeitig den Luftraum über Frankreich.
Und für etwa drei Minuten existierten zwei Frösche gleichzeitig.
Beide waren sehr verwirrt.
Dann gibt es noch das sogenannte Projekt Luftpost.
Der Rekordhalter ist Uwe der Pinguin. Er war elf Sekunden in der Luft.
Die Schweizer Luftwaffe meldete einen unbekannten Kontakt.
Ein Satellit machte Fotos. Uwe beschreibt die Erfahrung bis heute als: “windig.”
Liebe Lesende, habt ihr jemals einen Koala gesehen, der gleichzeitig nach Osten, Westen und Mittwoch schaut?
Wir schon.
Die Frischlinge erkennen die Gefahr nicht.
Sie kommen herein und sagen Dinge wie: „Oh, was für ein gemütliches Zuhause!“ Oder: „Die Hündin sieht aber lieb aus!“
Dann sehen die Veteranen sich nur an. Niemand sagt etwas.
Man gönnt den Neulingen die letzten friedlichen Minuten.

Es gibt inzwischen Regeln.
Keine Alleingänge im Flur.
Nie in der Nähe des Sofas schlafen.
Wenn Ilvy mit schief gelegtem Kopf schaut:
rennen.
Wenn Ilvy die Vorderpfoten streckt:
schneller rennen.
Wenn Ilvy plötzlich sehr fröhlich wird:
„Mögen deine Nähte halten, kleiner Freund.“
Nachts organisieren wir Wachen. Der Hase überwacht den Flur und die Küche, seit er durch einen Vorfall mit der Heizung kreisförmig sehen kann.
Wir besprechen Fluchtwege. – Es gibt keine.
Wir besprechen Verstecke. – Es gibt keine.
Einmal versteckte sich der Igel in einer Winterjacke im hintersten Schrank unter einer Decke unter einem Pullover unter einem Karton.
Ilvy stand drei Minuten später davor und grinste.
Der Igel lebt heute im Garten unter neuer Identität.
Er spricht nicht mehr über die Vergangenheit.
Die Wohnung selbst hat aufgegeben.
Der Saugroboter beantragte Versetzung.
Der Wäscheständer kündigte innerlich.
Der Teppich hat angefangen, heimlich zu trinken.
Der Couchtisch hat akzeptiert, dass er Teil des Systems ist.

Nachts treffen wir uns heimlich.
Wir zählen die Überlebenden. Denken an die Vermissten.
Wir erinnern uns. Wir schweigen.
Dann hören wir es. Tapp – Tapp – Tapp. Die Schritte. Die Stille. Das Hecheln. Die Tür öffnet sich langsam.
Ilvy steht im Licht.
Hinter ihr geht die Sonne auf.
Oder unter.
Schwer zu sagen.
Sie trägt Kevin, den Waschbären, im Maul.
Kevin schaut uns an.
„Freunde“, sagt Kevin ruhig, „es war mir eine Ehre.“
Dann beginnt die Rotation. Wir schliessen die Augen.
“Möge dir die Rotation gnädig sein, Bruder.”
Irgendwo in der Ferne hören wir: KLONK.
Später finden wir Kevin auf dem Bücherregal.
Er ist jetzt sehr spirituell.
Und das Erdmännchen klebt seit Monaten am Schrank.
Nicht weil es feststeckt.
Es möchte einfach nicht mehr herunter.

Und da! Ilvy erscheint wieder – im Maul einen neuen Rekruten.
Er lächelt uns an. “Hallo! Ich bin Bernd der Biber! Wie nett!”
Der ganze Raum schweigt.
Der Panda beginnt zu schluchzen.
Der Oktopus zündet sich eine Zigarette an.
Dann schaut Ilvy Bernd an. Mit diesem Blick.
Diesem: “Oh ausgezeichnet, du hüpfst bestimmt schön”-Blick.
Bernd hört auf zu lachen. “Warum macht sie die Vorderpfoten so breit?”
Niemand antwortet.
“Warum geht sie in die Hocke?” Niemand antwortet.
“Warum wedelt sie so schnell?” Der Panda dreht sich weg.
Dann kommt der Start. Bernd verlässt die Atmosphäre um 21:14 Uhr.
Für einen kurzen Moment sehen wir ihn noch vor dem Fenster vorbeiziehen. Er wirkt überrascht.
Am nächsten Morgen finden wir ihn auf dem Kühlschrank.
Neben dem Toaster. Bernd ist hart geworden. Sehr hart.
Wenn man gegen ihn klopft, klingt er wie Eiche.
Aber Bernd lebt. Zumindest geistig. Meistens.
Manchmal sagt er Dinge wie: “Ich habe den Mond gerochen.”

Ilvy sitzt da, mit heraushängender Zunge. Sie strahlt.
Sie blickt zum neuen Alpaka. Wir alle folgen ihrem Blick.
Der Panda beginnt reflexartig zu beten.
Der Fuchs versucht sich hinter seiner eigenen Vergangenheit zu verstecken.
Im Raum wird es still. Sehr still.
Das Alpaka flüstert: “Warum sieht sie mich so an?”
Niemand antwortet.
“Warum sehen mich alle so an?” Niemand antwortet.
“Warum wedelt sie so schnell?” Niemand antwortet.
“Warum kommt sie auf mich zugerannt?”
Ich seufze. „Mögen deine Nähte elastisch sein und deine Flugbahn würdevoll, kleiner Freund.“
Der Pinguin schaut zum Horizont. Der Panda wischt sich eine Träne weg. Der Koala beginnt zu zittern. Der Wal starrt aus dem Fenster. Das Erdmännchen beginnt zu weinen.
Nun, das Alpaka ist wirklich schön geflogen, berührte kurz den Türrahmen von innen und landete auf dem Kühlschrank.
Zwischen dem Pinguin und dem Biber. Die Drei führen inzwischen gute Gespräche.
Die Geschichte wiederholt sich. Wie sie es immer tut.
Ja, es gibt Momente im Leben, in denen Worte einfach nicht mehr helfen.

Ilvy liebt uns. Leidenschaftlich. Grenzenlos.
Mit der emotionalen Zurückhaltung eines explodierenden Güterzugs.
Dann hört man die Worte, vor denen jedes Kuscheltier Angst hat:
“Oh schau mal, Ilvy hat ihren Lieblingshasen!”
Der Lieblingshase selbst denkt in diesem Moment:
ICH BIN DER WAS?

Und trotzdem … Trotz allem …
Wenn Ilvy schläft, ganz friedlich, den Kopf auf einem von uns, leicht schnarchend, die Pfoten zuckend von irgendeinem Traum, dann schaue ich in die Runde und sage: „Sie ist schon eine Gute.“
Und alle nicken.
Sogar Kevin.
Von oben aus dem Bücherregal.

Die Bilder wurden mithilfe von ChatGPT erstellt.


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