Ilvy

die kleine Wölfin


Ilvy auf grosser Fahrt

Oder: Warum wir eigentlich nie wieder nach Hause hätten fahren müssen

Ein Reisebericht von Ilvy – Wohnmobilistin, Freigeist, Tierexpertin, Kulturkritikerin, Geruchsspezialistin und unfreiwillige Büroangestellte

Ich bin wieder zu Hause.
An einem festen Ort.
Mit festen Tagesabläufen.
Und ich finde das nicht gut.
Nach zwei Wochen Urlaub mit meinen Menschen bin ich wieder zurück in der Zivilisation.
Also dort, wo Menschen morgens einen Wecker brauchen, aufstehen, sich anziehen, irgendwohin fahren, arbeiten und offenbar freiwillig Häuser betreten, obwohl man auch einfach im Wohnmobil bleiben könnte.
Ich verstehe vieles nicht. Aber eines weiss ich jetzt ganz sicher:
Das Wohnmobil war eindeutig die bessere Lebensform.
Ich habe das meinen Menschen auch erklärt.
Mehrfach.
Sehr deutlich.
Mit Blicken.
Mit Seufzen.
Mit strategischem Herumliegen.
Im Wohnmobil gibt es ein Bett. Essen. Meine Menschen. Einen Kühlschrank. Dösen. Neue Gerüche. Abenteuer.
Und wenn man aus dem Fenster schaut, ist da jedes Mal eine andere Landschaft.
Was will man mehr?
Gut.
Vielleicht einen eigenen Kühlschrank.
Aber sonst? Perfekt!
Ich habe auf dieser Reise sehr viele Menschen beobachtet.
Sie machen seltsame Dinge.
Ich habe deshalb beschlossen, diese Reise wissenschaftlich zu dokumentieren.
Ich nenne das: Ilvys grosse Reiseanalyse.

Erste Erkenntnis:
Immer wenn es Spass macht, ist es vermutlich verboten.
Zweite Erkenntnis:
Wenn es nicht verboten ist, sollte man sofort gründlich schnuppern.
Dritte Erkenntnis:
Das Wohnmobil gehört mir.
Meine Menschen sehen das anders. Aber sie irren sich.

Das Wichtigste zuerst: FREILAUF!
Wir waren mehrmals auf Hundeauslauf-Geländen.
Und dort geschah etwas, das ich im Alltag viel zu selten erleben darf:
Ich war nicht angebunden.
Ich wiederhole:
NICHT. ANGEBUNDEN.
Ich konnte einfach los.
Ich konnte rennen, toben, herumflitzen. Völlig planlos in irgendwelche Richtungen laufen.
Kurven. Kreise. Achtel. Unkontrollierte geometrische Figuren.
Andere Hunde begrüssen.
Andere Hunde wieder verlassen.
Ich konnte ihnen hinterherlaufen.
Sie konnten mir hinterherlaufen.
Ich konnte stehen bleiben. Überlegen. Weiterflitzen.
Das nennt man Freiheit.
Ich war glücklich. Meine Menschen übrigens auch.
Die standen meistens herum und grinsten wie zwei Leute, die gerade festgestellt haben, dass sie ihren Hund tatsächlich noch wiederbekommen.
Natürlich bekamen sie mich wieder.
Ich bin ja nicht dumm.
Ich wusste ganz genau, wo die Leckerli sind.
Das Leckerli-System ist eine der wichtigsten Errungenschaften der menschlichen Zivilisation.
Menschen sagen etwas.
Ich mache etwas.
Ich bekomme Leckerli.
Alle sind glücklich.

Das ist Wirtschaft.
Ich habe übrigens bereits überlegt, ob man dieses System auch auf andere Lebensbereiche übertragen kann.
Zum Beispiel:
Mensch: „Ilvy, komm ins Büro.“
Ich: „Leckerli?“
Mensch: „Ja.“
Ich: „Gut. Wir können reden.“

Camping? Ja. Aber bitte privat.
Wir haben auf Campingplätzen übernachtet.
Das war ganz okay.
Aber dann haben wir private Stellplätze gefunden.
Und da war es plötzlich richtig schön.
Keine Nachbarn. Kein Lärm. Keine zehn Wohnmobile, die gleichzeitig ihre Markise ausfahren.
Nur wir. Landschaft. Gerüche. Ruhe.
Und unser Wohnmobil.
Mein Wohnmobil.
Ich sage das nur der guten Ordnung halber.
Meine Menschen glauben nämlich, es sei ihres. Niedlich.
Also es war herrlich.
Ich habe sehr viele Stunden damit verbracht, nichts zu tun.
Das klingt vielleicht langweilig. Ist es aber nicht.
Nichts tun ist eine hochentwickelte Form der Erholung.
Menschen müssen das noch lernen.
Sie haben dafür sogar Kurse.
Ich kann es bereits.
Naturtalent.
Ich habe übrigens während der ganzen Reise sehr sorgfältig darauf geachtet, wo unser Wohnmobil steht.
Das ist wichtig. Man weiss ja nie.
Falls meine Menschen plötzlich auf die Idee kommen sollten, ohne mich weiterzufahren.
Das wäre organisatorisch schwierig.
Ich müsste dann schliesslich neues Personal einstellen. Und gute Menschen zu finden ist heutzutage nicht einfach.

Skulpturenparks und die Frage: Was soll das sein?
Wir waren sogar in zwei Skulpturenparks.
Menschen stellen dort Dinge hin und nennen das Kunst.
Ich habe mir alles gründlich angesehen.
Einmal von vorne.
Einmal von der Seite.
Meistens mit der Nase.
Teilweise auch mit den Augen.
Denn Kunst liegt im Auge des Betrachters.
Oder in der Nase.
Je nachdem, ob man Mensch oder Hund ist.
Ich persönlich bevorzuge die Nase. Die ist zuverlässiger.
Manche Dinge sahen irgendwie interessant aus.
Manche sahen aus wie Dinge, die jemand irgendwo abgestellt und dann vergessen hatte.
Ich fand einige Skulpturen ausgesprochen geruchsarm.
Da muss die Kunstwelt noch nachbessern.
Ich hätte da auch schon einen Vorschlag: Mehr Geruch.
Vielleicht ein bisschen Käse. Ein alter Schuh. Ein verschwitzter Wanderschuh wäre hervorragend.
Oder etwas, das mindestens drei Hunde vorher gründlich untersucht haben.
Dann würde ich Kunst auch ernst nehmen.
Vielleicht sollte ich irgendwann selbst einen Skulpturenpark eröffnen.
Mit einem nassen Baumstamm. Einem besonders interessanten Mülleimer. Und einer Skulptur namens:
„Mensch, der versucht, einen Hund vom Schnuppern abzuhalten.“
Das wäre realistische Kunst.

Das Steiff-Museum
Dann kamen wir zum Steiff Museum.
Und ich sah:
PLÜSCHTIERE.
Viele.
Sehr viele.
BÄREN!
Ich war sofort interessiert.
Sehr interessiert.
Ich hätte mich dort selbstverständlich ausgezeichnet benommen.
Ich hätte wunderbar meine Meinung zu den ganzen Stofftieren abgeben können.
Ich hätte nichts kaputt gemacht.
Nur geschnuppert.
Vielleicht ein bisschen genauer.
Vielleicht sehr genau.
Vielleicht hätte ich bei einem Bären kurz geprüft, ob er innen auch wirklich nach Bär riecht.
Aber durfte ich hinein?
Nein.
Natürlich nicht.
Immer wenn es Spass macht, ist es vermutlich verboten.
Ich wusste es.
Meine Theorie bestätigte sich erneut.
Museum?
Nein.
Plüschtiermuseum?
Ganz besonders nein.
Schaufenster?
Ja.
Ich durfte also draussen stehen und ausgiebig die Fenster anschauen.
Da waren Bären.
Plüschtiere.
Noch mehr Bären.
Ich begann bereits, über einen Antrag nachzudenken.
Vielleicht könnte ich offiziell als Qualitätskontrolleurin hineingelassen werden.
Ich hätte Referenzen.
Zuhause habe ich ein ganzes Rudel Plüschtiere.
Ich weiss also, wovon ich spreche.
Leider wollte niemand meine Qualifikationen sehen.
Ich habe mich dann damit beschäftigt, von einem eigenen Teddybärenmuseum zu träumen.
Ein Museum nur für Hunde.
Eintritt für Hunde kostenlos.
Menschen müssen draussen warten.
Dann wachte ich auf.
Meine Menschen waren da.
Aber kein Teddybär.

Festung Lichtenau, Pottenstein, Tüchersfeld und eine Schweiz, von der ich nichts wusste
Wir waren auf einer Festung.
Ich finde Festungen grundsätzlich sinnvoll.
Dicke Mauern.
Gute Aussicht.
Viele interessante Gerüche.
Menschen mögen alte Mauern.
Sie fahren teilweise ziemlich weit, um alte Mauern anzuschauen.
Ich habe mir die Mauern angesehen.
Dann habe ich daran geschnuppert.
Dann habe ich festgestellt:
Mauer.
Die Menschen fanden die Mauern beeindruckend.
Sie haben wahrscheinlich andere Prioritäten.
Nun, Menschen haben früher offenbar viel Zeit damit verbracht, Mauern zu bauen, damit andere Menschen nicht hineinkommen.
Heute bauen Menschen Zäune, damit Hunde nicht irgendwo hineingehen. Oder Museen.
Es hat sich also nicht viel verändert.

Dann waren wir in Pottenstein und Tüchersfeld in der Fränkischen Schweiz.
Die Fränkische Schweiz.
Also wirklich.
Ich muss da mal etwas loswerden.
Ich lebe in der Schweiz.
Und dann fahren meine Menschen mit mir in eine andere Schweiz.
Warum?
Ich dachte zuerst, wir hätten uns verfahren.
Dann dachte ich, wir würden jetzt versehentlich auswandern.
Vielleicht gibt es noch eine dritte Schweiz. In Asien.
Oder eine kleine Schweiz in einem Keller.
Man weiss bei Menschen ja nie.
Die Fränkische Schweiz hat Felsen. Wälder. Dörfer.
Ich habe beschlossen, dass sie ganz schön ist.
Aber ich bleibe lieber in meiner Schweiz.
Da kenne ich die Regeln.
Zumindest die meisten.
Ich finde, man könnte die Namen etwas besser erklären.
Vielleicht: „Schweiz, aber anders.“
Das wäre verständlicher.
Oder: „Nicht die Schweiz. Andere Schweiz.“
Dann wäre auch ich vorbereitet.

Mein Lieblingsplatz: der Tiererlebnishof
Mein persönlicher Höhepunkt war der Stellplatz Tiererlebnishof.
Da gab es Tiere.
Viele Tiere.
SEHR viele Tiere.
Über 60 Stück.
Endlich ein Ort, an dem Menschen verstanden haben, worum es im Leben geht:
Tiere.
Das ist ungefähr so, als würde man mich in ein riesiges Restaurant setzen und sagen: „Heute darfst du alles anschauen.“
Ich habe geschnuppert.
Ich habe geguckt.
Ich habe beobachtet.
Ich habe wieder geschnuppert.
Und ich habe mich gefragt, warum Menschen eigentlich Wohnmobile bauen, wenn man doch einfach direkt auf einem Tiererlebnishof wohnen könnte.
Und ich habe beschlossen: Hier könnte ich bleiben.
Ich hätte sofort einen Mietvertrag unterschrieben.
Langfristig.
Unbefristet.
Für immer.
Mit Vollpension.
Und möglichst ohne Auszugsklausel.
Meine Menschen hätten mitkommen dürfen.
Natürlich. Ich hätte ihnen sogar erlaubt, das Wohnmobil mitzunehmen.
Obwohl ich es inzwischen eigentlich nicht mehr gebraucht hätte.
Ich hatte schliesslich einen neuen Lebensmittelpunkt gefunden.

Wildpark im Fichtelgebirge – Wo sind denn bitte die Tiere?
Dann ging es in einen Wildpark.
Ich hatte mich gefreut.
Tiere! Gerüche! Abenteuer!
Und dann:
Nichts.
Die Tiere waren verschwunden.
Ich habe gesucht. Geschnuppert. Geschaut. Ich habe meine Augen angestrengt.
Nichts.
Ich vermutete zunächst einen organisatorischen Fehler.
Vielleicht waren die Tiere im Urlaub.
Vielleicht hatten sie gerade Mittagspause.
Vielleicht waren wir im falschen Wildpark.
Dann verstand ich es.
Es war heiss. Die Tiere lagen im Schatten, in Häuschen und Höhlen.
Sehr vernünftig. Ich hätte es genauso gemacht.
Ich mache das im Büro übrigens auch.
Wenn es warm wird, lege ich mich hin.
Das nennt man nicht Faulheit.
Das nennt man thermisch optimiertes Arbeiten.
Ich finde, wir Hunde machen das besser als diese Wildtiere.
Wir legen uns einfach auf den Boden.
Man sieht uns.
Wir sehen trotzdem zufrieden aus.
Das nennt man Transparenz.

Der Wald-Wipfel-Weg und das verrückte Haus
Im Bayerischen Wald waren wir auf dem Wald-Wipfel-Weg.
Es roch fantastisch. Wald. Bäume. Erde. Tiere. Blätter.
17’000 Dinge, die Menschen nicht wahrnehmen.
Ich war begeistert.
Und dann stand da plötzlich ein Haus.
Auf dem Kopf.
Ich dachte zuerst, ich hätte mich versehentlich auf den Rücken gelegt.
Perspektivenwechsel oder so.
Aber da stand es. Auf dem Kopf.
Vielleicht hatte jemand vergessen, wie ein Haus funktioniert.
Vielleicht wollte jemand ausprobieren, ob ein Haus auch andersherum stehen kann.
Ich frage mich wirklich, was im Kopf von Menschen passiert.
Ein Haus. Auf dem Kopf.
Warum? Weil sie es können? Weil sie Langeweile hatten?
Weil jemand gesagt hat: „Ich hätte da eine Idee.“
Und niemand rechtzeitig gegangen ist?
Vielleicht lief es auch so ab, beim Frühstück:
„Was machen wir heute?“
„Keine Ahnung.“
„Lass uns ein Haus umdrehen.“
„Au ja, tolle Idee.“
Und keiner sagt: „Vielleicht sollten wir zuerst einen Arzt fragen.“
Menschen sind schon eine faszinierende Spezies.
Menschen machen solche Dinge. Jetzt stellen sie schon Häuser auf den Kopf.
Ich habe meine Reiseanalyse um eine weitere Regel ergänzt:
Wenn Menschen sagen: “Das ist eine tolle Idee”, sollte man vorsichtshalber einen Schritt zurückgehen.
Gut, also, da stand es. Das Haus. Menschen liefen hinein.
Ich habe beschlossen, dass ich lieber draussen auf meinen vier Beinen bleibe.
Und ja.
Weil Hunde nicht hinein durften.
Natürlich.
Ihr wisst ja, wenn etwas Spass macht, müssen wir Hunde draussen warten.

Die längste Burganlage der Welt – oder zumindest sehr lang
In Burghausen liefen wir über die weltweit längste Burganlage.
Mehr als einen Kilometer!
Eine Burg, die einfach nicht aufhören will.
Endlich eine Sehenswürdigkeit mit Ausdauer.
Ich fand das grossartig.
Denn eine lange Burg bedeutet: lange Geruchsstrecke.
Geruch Nummer 1.
Geruch Nummer 2.
Geruch Nummer 3.
Oh!
Geruch Nummer 4!
Moment.
Zurück.
Geruch Nummer 2 war noch nicht fertig.
Menschen verstehen das nicht.
Sie sagen dann: „Ilvy, komm, weiter.“
Warum? Ich lese gerade!
Eine Burg ist schliesslich nicht einfach nur eine Burg.
Sie ist ein Archiv. Ein riesiges Geruchsarchiv.
Das ist übrigens der Grund, warum Menschen mit Hunden immer länger brauchen.
Nicht weil wir langsam sind.
Wir lesen. Und wir lesen gründlich.
Die ganze Landschaft ist voller Informationen.
Eine Burg bietet vielfältige Gerüche. Und viele Ecken.
Und Mauern.
Viele Mauern.
Ich glaube, die Burg wurde hauptsächlich gebaut, damit Hunde möglichst lange etwas zu lesen haben.
Und ich finde, das sollte man in Reiseführern endlich berücksichtigen.
„Burganlage, 1,05 Kilometer lang, hervorragende Geruchslage, zahlreiche historische Duftdokumente.“
So würde ich einen Reiseführer schreiben.

Der Grossglockner und die gefährlichen kleinen Pfeifer
Dann kam der Grossglockner.
Wir fuhren über die Hochalpenstrasse.
Und dort waren sie:
Murmeltiere!
Viele Murmeltiere.
Und einige kamen ziemlich nahe.
Ich war begeistert.
Sie murmeln nicht. Sie pfeifen.
Laut.
Häufig.
Sehr laut.
Pfiffff!
Ich fand das grossartig.
Endlich Tiere, die sich vernünftig bemerkbar machen.
Die meisten Tiere stehen einfach herum.
Murmeltiere sagen wenigstens:
«ACHTUNG! ICH BIN HIER!»
In der Schweiz heissen Murmeltiere “Murmeli”.
MURMELI!
Wie süss klingt das bitte?
Da denkt man doch sofort an ein kleines, flauschiges Tierchen, das friedlich über die Wiese hoppelt und vielleicht ein Blümchen knabbert.
Falsch.
Habt ihr deren Zähne schon mal gesehen?!
Diese kleinen Kerlchen haben vorne im Gesicht zwei ziemlich beeindruckende Werkzeuge eingebaut. Damit könnte man vermutlich einen mittelgrossen Baum fällen.
Oder einen Besucher, der zu nahe kommt.
Ich habe meine Reiseanalyse sofort erweitert:
Ilvys Regel Nummer 5: Niemals ein Tier nur nach seinem Namen beurteilen.
Murmeli klingt nach Kuscheltier.
Murmeli hat Schneidezähne wie eine kleine Holzfräse.
Ich habe deshalb beschlossen, die Murmeli lieber aus sicherer Entfernung zu bewundern.
Zumal sie ständig laut pfeifen.
Pfifffff!
Grossartig.
Ein Tier, das laut pfeift UND gefährliche Zähnchen hat – das verdient Respekt.
Also: Murmeli sind niedlich. Sehr niedlich.
Aber ich werde ihnen nicht meine Pfote zum Händeschütteln hinhalten.
Und sie nicht beschnuppern.
Man muss schliesslich nicht jede Bekanntschaft bis zur letzten Konsequenz vertiefen.
Ich beobachtete sie deshalb mit professioneller Distanz.
Also ungefähr so: 👀
Aber nicht: 👄
Man weiss ja nie.
Sie könnten plötzlich pfeifen.
Oder beissen.
Oder beides gleichzeitig.
Ich glaube übrigens, Murmeli könnten sich hervorragend als Bürohunde eignen.
Morgens: PFIFFFFF! Alle wissen: Arbeitsbeginn.
Mittags: PFIFFFFF! Mittagspause.
17 Uhr: PFIFFFFF! Feierabend.
Ich sehe da grosses wirtschaftliches Potenzial.

Die drei Zinnen – beziehungsweise zwei
Danach waren wir kurz in den Dolomiten.
Wir wollten die Drei Zinnen sehen.
Aber die Wolken waren vor uns da.
Deshalb sahen wir: Zwei Zinnen.
Die dritte war offenbar gerade in den Wolken im Urlaub.
Ich finde, das ist ein Fall für die Konsumentenschutzbehörde.
Wenn drei draufsteht, müssen drei drin sein.
Wenn ich drei Leckerlis bestelle, akzeptiere ich schliesslich auch nicht zwei.
„Leider ist eines momentan nicht verfügbar.“
“Entschuldigung?! Nein!” Das ist keine akzeptable Lösung.
Nun gut. Auch hier waren unglaublich viele Touristen.
Alle machten Fotos.
Menschen vor Bergen.
Menschen neben Bergen.
Menschen mit Bergen.
Menschen, die andere Menschen fotografierten, wie sie Berge fotografierten.
Menschen stehen also vor einer wunderschönen Landschaft und halten ihr Handy davor.
Ich verstehe dieses Verhalten nicht.
Ich habe nichts fotografiert. Ich habe geschnuppert.
Gerüche kann man nicht einfach löschen.
Zumindest ich nicht.

Ofenpass und Schweizerischer Nationalpark
Dann ging es über den Ofenpass in den Schweizerischen Nationalpark.
Wälder! Natur! Wildnis!
Und dann:
Hunde verboten.
Auch an der Leine.
Natürlich.
Immer wenn es Spass macht …
Ihr wisst schon.
Ich war enttäuscht.
Ich glaube, wir sind inzwischen bei einer weiteren wissenschaftlich belegten Tatsache:
Je schöner ein Ort ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass Ilvy dort nicht hinein darf.
Ich verstehe natürlich, dass Wildtiere ihre Ruhe brauchen.
Wenn ich ein Reh wäre, würde ich auch nicht wollen, dass ständig irgendwelche Hunde durch meinen Wald laufen.
Aber trotzdem.
Ich hätte gerne mal hineingeschaut.
Fünf Minuten.
Zehn.
Den ganzen Nachmittag.
Vielleicht bis morgen.
Aber gut. Wildtiere dürfen rein. Hunde müssen draussen bleiben.
Die Wildtiere haben gewonnen.
Dieses Mal.
Ich möchte nur festhalten:
Ich hätte mich benommen.
Wahrscheinlich.

Die schaukelnde Kiste
Damit wir nicht über den Furkapass fahren mussten, wurde unser Wohnmobil durch den Vereinatunnel verladen.
Wohnmobil auf Zug.
Menschen drin.
Ich wie immer in der Transportbox im Wohnmobil.
Und dann fährt der Zug.
Ich dachte: „Aha. Mal etwas anderes.“
Dann schaukelte es.
Ich dachte: „Moment mal. Das kenne ich. Das macht unser Wohnmobil auch.“
Dann wurde mir klar:
Ich sass in einem Wohnmobil.
Das auf einem Zug stand.
Der fuhr.

Ich war also praktisch in einem fahrenden Wohnmobil, das auf einem fahrenden Zug stand. Wohnmobilception.
Ich war also gleichzeitig:
Hund.
Passagierin.
Wohnmobilistin.
Zugreisende.
Und vermutlich das einzige Lebewesen, das genau wusste, dass das alles völlig unnötig kompliziert war.
Menschen lieben komplizierte Dinge.
Ich hätte einfach gesagt: „Wir fahren da lang.“
Fertig.
Aber nein.
Zug.
Tunnel.
Wohnmobil.
Berg.
Menschen.
Ich habe daraus eine weitere Regel abgeleitet:
Wenn Menschen eine einfache Lösung kompliziert machen können, werden sie es tun.
Immerhin war es eine interessante Erfahrung.
Ich empfehle es jedem Hund, der schon immer einmal wissen wollte, wie sich ein Wohnmobil auf Schienen anfühlt.

Das Heididorf Maienfeld
Dann waren wir im Heididorf.
Viele Touristen.
Sehr viele.
Und Häuser.
Sehr wenige.
Ich durfte natürlich nicht hinein.
Schon wieder.
Meine Reiseanalyse bestätigte sich erneut.
Haus = wahrscheinlich Hundeverbot.
Ich habe langsam den Verdacht, dass Menschen Häuser nur bauen, um Hunden anschliessend den Zutritt zu verbieten.
Das Heididorf war ausserdem ziemlich klein.
Ich hatte mehr Dorf erwartet.
Und mehr Heidi.
Vielleicht eine riesige Heidi.
Oder eine Herde Heidis.
Mindestens drei.
Wenn schon Drei Zinnen fehlen, hätte man hier wenigstens drei Heidis aufstellen können. Das wäre fair gewesen.
Ich habe deshalb beschlossen, dass die Schweiz dringend ein paar weitere Heidis braucht.
Das wäre auch für den Tourismus gut.
Und für mich. Ungefähr so:

Am Rhein
Übernachtet haben wir auf einem Wohnmobilpark am Rhein, in einem Waldstück. Das war wieder genau mein Ding.
Wald. Gerüche. Ruhe. Wohnmobil. Meine Menschen. Perfekt.
Ich könnte dort Monate bleiben.
Jahre.
Oder bis zur nächsten Mahlzeit.
Man müsste mich nicht einmal gross beschäftigen.
Ich kann mich hervorragend selbst beschäftigen.
Ich schnuppere. Schaue. Döse. Schlafe. Denke nach. Esse. Schlafe wieder.
Das ist kein Nichtstun.
Das ist ein hochkomplexes Regenerationsmanagement.
Ich finde, Menschen sollten sich davon etwas abschauen.
Vielleicht würden sie dann auch nicht ständig irgendwohin fahren.
Obwohl … Moment. Das würde bedeuten, dass wir nicht mehr mit dem Wohnmobil fahren.
Nein. Ich ziehe meinen Vorschlag zurück. Wir fahren weiter.

Die Höllgrotten – ENDLICH durfte ich hinein!
Und dann kam am letzten Tag noch etwas ganz Besonderes:
Die Höllgrotten in Baar.
Und jetzt kommt’s:
Ich durfte mit hinein!
In eine Höhle!
Mitten hinein!
Niemand sagte: „Hunde müssen draussen bleiben.“
Niemand sagte: „Hunde verboten.“
Ich durfte rein.
Ich konnte es kaum glauben.
Endlich eine Sehenswürdigkeit, die meine Reiseanalyse bestanden hat.
Kühl. Dunkel. Nass. Geruchsintensiv. Und hundetauglich.
Ich betrat die Höllgrotten mit einer Mischung aus Begeisterung und professioneller Nasenkompetenz.
Feuchte Erde. Stein. Wasser. Höhle. Geschichte.
Und ungefähr sieben Millionen Dinge, die Menschen nicht riechen können. Ich schon.
Das war eine vernünftige Sehenswürdigkeit.
Endlich hatte jemand verstanden, dass Hunde ebenfalls Kultur brauchen.
Ich finde, die Höllgrotten haben damit bewiesen: Es geht doch!
Menschen können attraktive Ausflugsziele einrichten und Hunde hineinlassen.
Ich sehe grosses Potenzial.

Was ich an den Ferien am allerbesten fand
Natürlich waren die vielen Orte toll.
Die Berge. Wälder. Burgen. Tiere. Höhlen. Privaten Stellplätze.
Aber am allerbesten war:
Ich war die ganze Zeit mit meinen Menschen gemeinsam unterwegs.
Ich durfte schlafen, dösen, chillen, schnuppern. Neue Orte, neue Hunde, Menschen und neue Gerüche kennenlernen.
Und jeden Morgen waren wir irgendwo anders.
Das ist für mich Urlaub.
Ich liebe es, unterwegs zu sein.
Ich liebe mein Wohnmobil. Mein Zuhause auf Rädern.
Und ich finde nach wie vor, dass meine Menschen darüber nachdenken sollten, dauerhaft darin zu wohnen.
Ich habe dafür bereits einen Plan.
Phase 1: Nicht nach Hause fahren.
Phase 2: Noch einen privaten Stellplatz suchen.
Phase 3: Leckerli sichern.
Phase 4: Büro abschaffen.
Phase 5: Wohnmobil. Wald. Berge. Gerüche. Meine Menschen.
Fertig.

Plauschgruppe in der Hundeschule
Am Samstag gingen wir wieder in die Hundeschule.
Ich habe mich riesig gefreut.
Meine Kumpels! Meine Kumpelinnen! Die Hundetrainerin! Alle da!
Und natürlich habe ich nichts vergessen.
Gar nichts.
Jedes Kommando – sofort perfekt ausgeführt.
Sitz?
Sitz.
Platz?
Platz.
Komm?
Komm.
Warte?
Warte.
Warum?
Leckerli.
Ich muss allerdings an dieser Stelle ehrlich sein:
Ich glaube, meine Menschen halten mich für gut erzogen.
Dabei ist das Ganze eigentlich eine sehr einfache Geschäftsbeziehung.
Menschen sagen Wort → Ilvy macht Sache → Ilvy bekommt Leckerli.
Ich sehe da keine Probleme.
Unsere Plauschgruppe ist jedenfalls toll.
Wir müssen hier allerdings etwas richtigstellen.
Wir gehen nicht dorthin, damit ich etwas lerne. Nein.
Ich gehe dorthin, damit meine Menschen etwas lernen.
Ich unterstütze sie lediglich pädagogisch.
Damit sie motiviert dranbleiben.
Ich bin schliesslich bereits hervorragend ausgebildet.
Ich kenne das wichtigste Kommando überhaupt:
«Leckerli
Und ich kenne noch ein zweites:
«Cervelat
Und ein drittes:
«Feierabend – wir gehen
Diese drei beherrsche ich absolut zuverlässig.
Eigentlich könnte ich die Hundeschule auch selbst übernehmen.
Ich würde allerdings die Ausbildung etwas anders gestalten.
Theorie: „Wie überzeuge ich Menschen davon, dass Leckerli pädagogisch unverzichtbar sind?“
Praxis: „Wie lange kann man Menschen anschauen, bevor sie nachgeben?“
Fortgeschrittenenkurs: „Dramatisches Seufzen.“
Abschlussprüfung: „Ilvy, komm.“ Ich: „Was bekomme ich dafür?“

Und am Montag?
Am Montag muss ich wieder mit ins Büro.
Ins Büro!
Nach zwei Wochen Freiheit.
Ich finde das persönlich ziemlich unverschämt.
Meine Reiseanalyse ist eindeutig:
Büro = nicht Wohnmobil.
Ich habe bereits Einspruch eingelegt.
Er wurde ignoriert.
Ich soll also wieder an einem festen Ort sitzen.
Oder besser gesagt: liegen.
Während ich weiss, dass irgendwo auf dieser Welt ein Wohnmobil steht.
Mit einem Bett. Mit einem Kühlschrank. Mit Wald in der Nähe. Und wahrscheinlich mit Leckerli.
Das ist schwer.
Ich habe meinen Menschen erklärt, dass wir eigentlich einfach weiterfahren könnten.
Sie scheinen aber anderer Meinung zu sein.
Offenbar brauchen Menschen Geld.
Warum?
Für Futter. Und Leckerli. Gudis. Hundesnacks. Knochen.
Und Wohnmobil-Dinge.
Und da schliesst sich der Kreis.
Leckerli → Büro → Geld → Wohnmobil → Leckerli.
Das ist eine funktionierende Wirtschaft.
Also werde ich wohl oder übel wieder mit ins Büro gehen.
Ich werde erscheinen.
Mich auf meinen Platz legen.
Sehr beschäftigt aussehen.
Vielleicht sogar tatsächlich ein bisschen arbeiten.
Aus dem Fenster schauen.
Meinen Menschen ansehen.
Wieder aus dem Fenster schauen.
Wieder meinen Menschen ansehen.
Der Blick wird ungefähr sagen: „Wir könnten jetzt auch fahren.“
Keine Reaktion?
Noch einmal schauen.
„Ich meine das ernst.“
Immer noch keine Reaktion?
Seufzen.
Dramatisches Seufzen.
Das grosse Seufzen.
Das Seufzen, bei dem der ganze Körper mitmacht.
Das Seufzen, bei dem die Menschen kurz denken: „Was ist denn jetzt?“
Sehr gut. Das funktioniert.
Ich brauche ja eigentlich nicht viel.
Ein Bett. Meine Menschen. Futter. Leckerli. Wasser. Wald. Wiesen. Gerüche. Ein quietschendes Plüschi. Und gelegentlich einen Hundeauslauf.
Mehr brauche ich nicht.
Das ist doch wirklich nicht viel verlangt.

Innerlich …
… bin ich längst wieder unterwegs.
Im Wohnmobil.
Auf irgendeinem privaten Stellplatz. Mit meinen Menschen.
Ich höre die Murmeli pfeifen. Ich rieche den Wald.
Irgendwo steht ein Haus auf dem Kopf. Eine Burg ist einen Kilometer lang. Eine Wolke versteckt eine Zinne. Irgendwo wartet eine Höhle.
Im Steiff-Museum sitzen die Bären.
Vielleicht darf ich beim nächsten Mal hinein.
Obwohl …
Wir wissen ja:
Immer wenn es Spass macht, ist es verboten.

Eure Ilvy 🐾
Wohnmobilistin aus Leidenschaft

P.S. Die Bilder wurden mithilfe von ChatGPT erstellt.


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