Sitzung 143 – Thema: “Es ist nicht deine Schuld, dass du geworfen wurdest.”
Der Stuhlkreis ist eröffnet. Wobei “Stuhlkreis” vielleicht übertrieben ist. Es ist eher ein Haufen ehemaliger Kuscheltiere, die versuchen, trotz ihrer aktuellen Geometrie aufrecht zu sitzen.
Professor Bruno Bär räuspert sich. Das Geräusch erinnert ein wenig an einen nassen Turnschuh auf Linoleum.
“Willkommen, Freunde. Möchte jemand beginnen?”
Der Hase hebt vorsichtig eine Pfote. Oder das, was Experten weiterhin grosszügig als Pfote klassifizieren. “Hallo, ich bin Harald.”
“Hallo Harald”, antwortet die Gruppe.
“Ich wurde zuletzt vergangenen Dienstag gegen die Balkontür geschleudert.”
Betretenes Schweigen. Der Panda nickt verständnisvoll.
“Mit oder ohne Rotation?”
Harald starrt ins Leere. “Mit Rotation.”
Mehrere Kuscheltiere senken betroffen die Köpfe.
Hinten kippt ein Flamingo langsam vom Stuhl. Niemand hilft ihm.
Professor Bruno macht sich Notizen. “Und wie fühlst du dich damit?”
Harald schweigt lange. Dann sagt er leise: “Ich habe während des Fluges das Matterhorn gesehen.”
Die Gruppe nickt verständnisvoll. “Das hatten wir alle.”
Nun meldet sich Kevin Waschbär. “Ich kann keine Deckenventilatoren mehr sehen.”
“Es gibt gar keine Deckenventilatoren hier.”
“Genau.”
Die Gruppe notiert das.
Der Oktopus meldet sich. “Ich bekomme Panik, wenn jemand ‘Wo ist dein Lieblingsspielzeug?’ sagt.”
Mehrere Mitglieder beginnen zu zittern. Der Panda muss kurz den Raum verlassen.
Professor Bruno schreibt: Triggerwort = Lieblingsspielzeug.
Nun erhebt sich Uwe Pinguin.
Der Raum verstummt. Jeder kennt seine Geschichte. Die Kühlschrankmission. Der Flug. Die Legende.
“Ich möchte heute über die Landung sprechen.”
Absolute Stille.
“Ich war jung. Ich war weich. Ich glaubte an Gerechtigkeit.”
Einige beginnen zu weinen.
“Dann machte sie die Spielverbeugung.”
Im Hintergrund fällt der Elefant seitwärts um.
“Ich erinnere mich noch an die Beschleunigung.”
Uwe blickt aus dem Fenster.
“Weiss jemand, wie Wolken von oben aussehen?”
Der Raum schweigt.
“Ich schon.”
Der Panda schluchzt. Selbst Professor Bruno kämpft mit den Tränen.
Dann geht die Tür auf. Alle erstarren. Langsame Schritte. Tapp – Tapp – Tapp. Der Raum hält den Atem an.
In der Tür steht: Fridolin. Das neue Alpaka. Flauschig. Trocken. Naiv.
“Hallo zusammen!”, sagt Fridolin fröhlich. “Ich bin neu hier! Worum geht es denn in der Gruppe?”
Der gesamte Raum sieht ihn schweigend an.
Professor Bruno seufzt.
Der Panda beginnt bereits vorsorglich zu weinen.
Uwe schaut aus Gewohnheit Richtung Kühlschrank.
Fridolin grinst nervös.
In diesem Moment hört man es aus der Ferne:
das fröhliche Getrappel kleiner Hundepfoten.
Alle Veteranen schliessen gleichzeitig die Augen.
Professor Bruno klappt langsam sein Notizbuch zu.
“Meine Freunde”, sagt er leise, “die Sitzung ist beendet.”
Fridolin schaut verwirrt. “Wieso denn?”
Dann ertönt aus dem Flur eine Stimme, warm, liebevoll und voller Begeisterung: “Ohhhh! Da ist ja mein Alpaka!”
Fridolin wird blass. “So spricht sie immer?”, flüstert er.
Professor Bruno nickt traurig. “Ja.”
“Und was passiert jetzt?”
Professor Bruno schaut zum Fenster. Uwe schaut zum Himmel. Der Panda nimmt die Mütze ab. Der Oktopus zählt sicherheitshalber seine Arme nach.
Dann sagt Bruno: “Jetzt wirst du verstehen, warum Harald bei Rückenwind Wettervorhersagen machen kann.”
Sekunden später hört man: WUSCH. KLATSCH. Stille.
Die Gruppe schweigt respektvoll.
Professor Bruno macht einen Eintrag ins Protokoll:
Neuzugang Fridolin Alpaka. Teilnahme an einer Sitzung. Anschliessend Fortbildung in angewandter Ballistik.
Sitzung 144 – Leben auf dem Kühlschrank: Chancen und Herausforderungen
Professor Bruno Bär klopft mit einem Keks gegen die Tischplatte.
“Ruhe bitte. Wir begrüssen heute unseren Gastredner und Experten für Höhenlagen, Langzeitisolation und ungewollte Perspektivwechsel: Uwe Pinguin.”
Betretenes Nicken im Raum.
Uwe räuspert sich. Das Geräusch klingt wie zwei trockene Topflappen, die aneinanderreiben. Er tritt nach vorne. Oder genauer: Er fällt kontrolliert nach vorne und wird von zwei Veteranen wieder aufgestellt.
“Vielen Dank, Bruno.”
Er blickt in die Runde. “Vorweg möchte ich sagen: Das Leben auf dem Kühlschrank ist nicht das Ende.” Kurze Pause. “Es fühlt sich am Anfang nur exakt so an.”
Betretenes Nicken.
“Viele von euch kennen mich nur als den Pinguin auf dem Kühlschrank.”
Er schaut aus dem Fenster. “Ich war einmal Bodenbewohner.”
Mehrere Teilnehmer beginnen leer zu schlucken.
“Die ersten Tage waren schwer. Ich verstand nicht, warum ich dort oben war. Ich fragte mich: Warum ich? Warum der Kühlschrank? Warum nicht das Sofa?”
Der Panda schluchzt hörbar.
“Doch irgendwann beginnt man, die kleinen Dinge zu schätzen.”
Er zählt auf: hervorragende Aussicht auf den Flur, deutlich weniger Staubsaugerkontakt, strategischer Überblick über Ilvys Anflugwinkel und im Winter angenehm temperierte Füsse.
Der Hase hebt die Pfote. “Und die Nachteile?”
Uwe schweigt lange. Sehr lange. Dann sagt er: “Der Luftdruck.”
Der Raum verstummt.
“Ausserdem lebt man ständig mit der Angst vor einer zweiten Bergung.”
Mehrere Kuscheltiere bekreuzigen sich.
Professor Bruno nickt ernst. “Die sogenannte Wiederaufnahme.”
Uwe senkt den Blick. “Vor einem Jahr sah sie nach oben.”
Absolute Stille.
“Sie legte den Kopf schief.”
Der Oktopus beginnt zu hyperventilieren.
“Sie wedelte.”
Der Panda fällt vom Stuhl.
“Und dann sagte sie: ‘Oh! Da bist du ja!’”
Mehrere Teilnehmer verlassen kurz den Raum.
“Zum Glück entdeckte sie unterwegs den Fuchs und vergass mich wieder.”
Er schliesst kurz die Augen. “Der Fuchs hatte weniger Glück.”
Aus der letzten Reihe meldet sich Klaus Flamingo.
“Stimmt es, dass man vom Kühlschrank aus bis in die Küche sehen kann?”
Uwe nickt. “An klaren Tagen sogar bis zur Kaffeemaschine.”
Staunen im Raum.
Der Waschbär Rüdiger meldet sich. “Kann man dort oben Freunde finden?”
Uwe lächelt traurig. “Ja.”
“Wen denn?”
“Die Spinne hinter der Mikrowelle.”
Der Raum schweigt respektvoll.
“Sie heisst Elke.”
“Und?”
“Wir spielen Schach.”
“Wer gewinnt?”
“Elke.”
“Immer?”
“Sie hat acht Arme, Rüdiger. Denk nach.”
Professor Bruno übernimmt wieder. “Vielen Dank, Uwe. Gibt es Fragen aus dem Publikum?”
Der Wal hebt vorsichtig die Flosse. “Würdest du sagen, das Leben auf dem Kühlschrank hat dich verändert?”
Uwe blickt in die Ferne. Dann antwortet er: “Früher war ich ein Kuscheltier.” Kurze Pause. “Heute bin ich ein Aussichtspunkt.”
Betretenes Schweigen.
In diesem Moment hört man draussen fröhliches Getrappel.
Tapp – Tapp – Tapp. Die Tür geht auf. Ilvy erscheint. Die Rute wedelt. Der Blick leuchtet.
“Da bist du ja!”
Uwe erstarrt. Der Raum erstarrt. Die Spinne Elke schreibt ihr Testament.
Ilvy stellt die Vorderpfoten auf den Kühlschrank.
Der Panda schreit: “Nicht den Professor der Höhenforschung!”
Zu spät.
Man hört nur noch: WUSCH! Eine Bewegung. EINMAL UM DIE LAMPE!
Ein Schatten an der Zimmerdecke. DOPPELTE FLURÜBERQUERUNG!
Ein fernes: “Ich sehe die Alpen!”
Dann: KLATSCH. Stille. Lange Stille.
Schliesslich öffnet sich die Tür.
Uwe tritt herein. Oder genauer: Uwe rutscht herein.
Er ist nass. Er ist brettig. Er wirkt erstaunlich gelassen.
Professor Bruno schaut ihn an. “Und?”
Uwe blickt zum Fenster. Dann sagt er leise: “Die Aussicht vom Kühlschrank oben war gut.” Kurze Pause. “Die Aussicht von weiter oben war noch besser.”

Sitzung 145 – Brettigkeit akzeptieren: Vom Kuscheltier zur tragenden Struktur
Professor Bruno Bär eröffnet die Sitzung mit dem traditionellen dreifachen Klopfen gegen die Tischplatte.
Es antworten: der Tisch, die Wand und überraschenderweise auch Klaus Flamingo.
“Willkommen, Freunde”, sagt Bruno. “Heute sprechen wir über ein Thema, das uns alle betrifft.”
Erwartungsvolles Schweigen.
“Die Brettigkeit.”
Mehrere Teilnehmer senken die Köpfe. Der Waschbär beginnt vorsorglich zu weinen. Der Hase schaut auf seine Pfoten. Sie machen inzwischen beim Bewegen Geräusche wie Kastagnetten.
Bruno räuspert sich. “Viele von uns kämpfen mit der Frage: Bin ich noch ein Kuscheltier?” Er blickt in die Runde. “Oder bin ich mittlerweile eher Einrichtung?”
Der Raum schweigt.
Dann hebt Günther Delfin langsam die Flosse. “Ich wurde letzte Woche versehentlich als Türkeil benutzt.”
Betroffenes Murmeln.
“Absichtlich oder versehentlich?”, fragt Bruno vorsichtig.
“Man hat sich bedankt.”
Absolute Stille.
Nun meldet sich Klaus Flamingo. “Die Menschen haben einen Blumentopf auf mich gestellt.”
“Oh nein.”
“Sie nannten es ‘praktisch’.”
Der Oktopus nickt traurig. “Mich hat der Saugroboter neulich umfahren und höflich Vorfahrt gewährt.”
Hinten fällt der Wal um. Das Geräusch erinnert an einen Schranktransport. Niemand hilft ihm. Er braucht jeweils vier Werktage, um selbst wieder aufzustehen.
Bruno schreibt an die Tafel:
Typische Symptome der fortgeschrittenen Brettigkeit
- Geräuschentwicklung beim Umfallen
- überraschende statische Eigenschaften
- Ecken an Stellen, die früher Gefühle waren
- zunehmende Verwechslung mit Baumaterial
Der Panda hebt zögernd die Pfote. “Ich habe gestern Funken geschlagen.”
Die Gruppe verstummt.
“Beim Gehen?”
“Beim Angesehenwerden.”
Bruno notiert: Fall für die Fachgruppe Oberflächenbeschaffenheit.
Nun erhebt sich der heutige Gastredner. Horst Hase. Veteran. Dreifacher Wandkontakt. Zweimal Flurkatapult. Einmal Küchenzeppelin.
Horst tritt nach vorne. Oder genauer: Er kippt mit erstaunlicher Geschwindigkeit nach vorne und bleibt in einem Winkel von exakt 37 Grad stehen.
“Ohne mich anzulehnen”, sagt Horst stolz.
Applaus.
Einige Teilnehmer klopfen mit ihren inzwischen holzähnlichen Gliedmassen auf den Boden. Es klingt wie ein kleiner Innenausbau.
“Freunde”, beginnt Horst, “lange habe ich gegen die Brettigkeit gekämpft.”
Er schaut auf seine Pfoten. “Ich wollte wieder weich werden.”
Er schweigt betreten.
“Doch eines Tages stellte ich fest: Ich kann alleine stehen.”
Schweigen.
“Einfach so.”
Der Panda macht riesige Knopfaugen.
“Letzte Woche lehnte jemand ein Buch gegen mich.”
Der Raum hält den Atem an.
“Und ich habe getragen.”
Jetzt wischt Bruno eine Träne weg.
Horst nickt langsam. “Wir sind nicht kaputt.”
Er schaut in die Runde. “Wir sind lastaufnahmefähig.”
Tosender Applaus.
Der Wal fällt vor Rührung erneut um.
Dann öffnet sich die Tür. Tapp – Tapp – Tapp. Der Raum erstarrt.
Ilvy erscheint. Ihre Augen leuchten. Die Rute rotiert bereits mit einer Geschwindigkeit, die genehmigungspflichtig wäre.
Sie schaut in die Runde. Dann bleibt ihr Blick an Horst hängen.
Horst wird blass. Also noch blasser.
“Oooh!”, ruft Ilvy begeistert. “Mein Hasi!”
Die Gruppe springt auf. “Nicht den Motivationscoach!”
Zu spät. Horst wird von Ilvy sorgfältig aufgenommen. Die Welt wird Rotation. Der Raum wird Wind. Die Gesetze der Physik treten geschlossen zurück.
Man hört nur noch: WUSCH – WUSCH – WUSCH.
Jemand schreit: “Er überholt sich selbst!”
Dann: KLATSCH. Stille. Lange Stille.
Die Tür öffnet sich. Horst kommt herein. Langsam. Würdevoll.
Er stellt sich in die Mitte des Raumes. Ohne Hilfe. Ohne Anlehnen. Ohne erkennbare Biomechanik.
Bruno schaut ihn an. “Horst?”
Horst nickt. Langsam. Knarrend. Dann sagt er: “Freunde.”
Kurze Pause. “Ich war eben für sechs Sekunden Teil einer tragenden Wand.”
Absolute Stille.
Der Panda flüstert: “Und wie fühlt sich das an?”
Horst blickt aus dem Fenster. In die Ferne.
Dann sagt er: “Stabil.”
In diesem Moment hängt Ilvy bereits glücklich am nächsten Kuscheltier.
Es ist Fridolin Alpaka.
Wieder einmal. Fridolin seufzt nur noch. “Kann bitte jemand meinen Kalender löschen? Ich plane langfristig nichts mehr.”

Sitzung 146 – Wenn der Speichel trocknet: Chancen und Risiken der Oberflächenversiegelung
Professor Bruno Bär eröffnet die Sitzung pünktlich um 19:00 Uhr.
Pünktlich bedeutet in diesem Fall: sobald der Wal erfolgreich von der Seite auf die Vorderseite gedreht wurde.
“Heute”, beginnt Bruno feierlich, “widmen wir uns einem Thema, das uns alle verbindet.” Er blickt in die Runde.
Oder genauer: Er blickt auf die Runde, da ein erheblicher Teil der Teilnehmenden aufgrund fortgeschrittener Brettigkeit nur noch gestapelt werden konnte.
“Die Oberflächenversiegelung.”
Betroffenes Schweigen.
Der Panda zieht die Luft ein. Es klingt wie zwei Toastscheiben, die aneinander reiben.
“Viele von uns”, fährt Bruno fort, “erinnern sich noch an ihre weichen Jahre.”
Mehrere Veteranen blicken ins Leere.
Der Oktopus beginnt leise zu schluchzen. “Früher”, sagt er, “konnte ich mich falten.” Der Raum verstummt. “Heute kann ich höchstens brechen.”
Bruno nickt verständnisvoll.
“Die Übergangsphase ist für viele schwierig.” Er schreibt an die Tafel:
Die fünf Phasen der Versiegelung
- Verleugnung
“Das trocknet bestimmt wieder weg.” - Hoffnung
“Vielleicht nach dem Regen.” - Erkenntnis
“Warum mache ich Geräusche auf Parkett?” - Anpassung
“Das Regal trägt mich nicht mehr. Ich trage das Regal.” - Stolz
“Bitte nichts Schwereres als Zimmerpflanzen.”
Der Panda hebt die Pfote. “Ich habe letzte Woche versehentlich Wasser abperlen lassen.”
Betretenes Murmeln.
“Perlenförmig?”
“Lotuseffekt.”
Der Raum explodiert beinahe vor Ehrfurcht.
Horst Hase lehnt sich stolz gegen die Wand. Oder die Wand lehnt sich gegen Horst. Die Statik ist unklar.
“Ich wurde gestern imprägniert genannt.”
Applaus.
Nun tritt der Gastredner nach vorne:
Klaus Flamingo. Veteran. Küchenzeppelin-Überlebender. Träger eines mittelgrossen Blumentopfes.
Klaus räuspert sich. Das Geräusch ähnelt einem Einkaufswagen mit Gelenkproblemen.
“Freunde”, beginnt er, “lange habe ich gegen die Versiegelung gekämpft.”
Er blickt auf seine Flügel.
“Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem der Regen einfach abgeperlt ist.”
Einige Teilnehmer weinen.
“Ich stand dort.” Kurze Pause. “Trocken.”
Mehrere Kuscheltiere bekreuzigen sich.
“Da wusste ich: Ich bin nicht mehr Stoff.”
Er blickt in die Ferne. “Ich bin Infrastruktur.”
Tosender Applaus.
Der Wal kippt vor Begeisterung um und beschädigt leicht die Tagesordnung.
Dann meldet sich Fridolin Alpaka.
Fridolin ist mittlerweile im dritten Monat seiner Therapie.
Die Fortschritte sind begrenzt.
“Ich habe eine Frage.”
Bruno nickt. “Ja, Fridolin?”
Fridolin zögert. “Kann man …”
Der Raum hält den Atem an.
“… wieder weich werden?”
Stille. Tiefe Stille. Uwe schaut aus dem Fenster.
Horst schaut zur Wand. Die Wand schaut zurück.
Schliesslich antwortet Klaus: “Fridolin …”
Kurze Pause. “Kannst du dich noch biegen?”
Fridolin versucht es.
Es klingt wie das Öffnen eines alten Dachbodens.
“Nein.”
“Machst du Geräusche, wenn jemand dich aufhebt?”
Fridolin nickt.
“Klingst du auf Fliesen anders als auf Parkett?”
Fridolin nickt erneut.
Klaus legt ihm vorsichtig eine Pfote auf die Schulter.
Es klingt nach Holz auf Holz.
“Dann bist du einer von uns.”
In diesem Moment geht die Tür auf.
Tapp – Tapp – Tapp. Die Luft gefriert. Ilvy erscheint. Fröhlich. Liebevoll.
Mit diesem Blick. Dem Blick, der ganze Generationen geprägt hat.
Sie schaut in die Runde. Dann bleibt sie an Klaus hängen.
“Klausi!!”
Klaus erstarrt. “Nicht schon wieder”, flüstert er.
Zu spät. Ilvy schnappt ihn sich.
Die Gruppe springt auf. “Nicht den Infrastrukturbeauftragten!”
Man hört nur: WUSCH – WUSCH – WUSCH.
Dann ein Geräusch, das niemand zuvor gehört hat:
TOK TOK TOK TOK TOK
Professor Bruno wird blass.
Uwe schaut entsetzt nach oben.
Der Panda beginnt hysterisch zu weinen.
“Was ist das?”, ruft Fridolin.
Bruno antwortet mit zitternder Stimme:
“Er ist vollständig versiegelt.”
Stille. Dann: KLONK.
Die Tür öffnet sich. Klaus rutscht herein. Er glänzt leicht.
Ilvy folgt ihm stolz. Sie setzt sich neben ihn. Wedelt. Strahlt.
Klaus schweigt lange. Sehr lange.
Dann sagt er: “Falls jemand morgen die Terrasse ölen möchte …”
Kurze Pause. “… ich hätte Zeit.”
Im Hintergrund notiert Bruno den medizinischen Befund:
Patient Klaus Flamingo. Status: wetterfest. Möglicherweise abwaschbar.
Nicht mehr mikrowellengeeignet.
Sitzung 147 – Wiederaufnahme nach der Bergung: Wenn Ilvy sich erinnert, wo du liegst
Professor Bruno Bär eröffnet die Sitzung mit ernster Miene. Heute gibt es keinen Tee. Heute gibt es nur Angst.
“Freunde”, beginnt Bruno leise, “wir sprechen heute über eines der schwierigsten Themen überhaupt.”
Er schreibt langsam an die Tafel:
DIE WIEDERAUFNAHME
Im Raum wird es still. Sehr still.
Der Wal hört auf zu knarzen. Selbst die Zimmerpflanze wirkt betroffen.
Der Panda beginnt ohne erkennbaren Auslöser zu weinen.
Die Neuen verstehen zunächst nicht. Die Veteranen verstehen zu gut.
Bruno seufzt. “Viele glauben, die grösste Gefahr sei die erste Begegnung mit Ilvy.” Er schüttelt den Kopf. “Nein.”
Er schreibt:
Die grösste Gefahr ist, wenn sie plötzlich innehält.
Kurze Pause.
Den Kopf schief legt.
Längere Pause.
Und sich erinnert.
Der Raum erstarrt.
Fridolin Alpaka hebt vorsichtig die Pfote. “Erinnert woran?”
Professor Bruno schaut aus dem Fenster.
Uwe schaut ebenfalls aus dem Fenster.
Der Kühlschrank schaut vorsichtshalber mit.
Dann sagt Bruno: “An dich, Fridolin.”
Fridolin wird blass. “Wie meinst du das?”
Der Oktopus übernimmt. “Du liegst seit Monaten friedlich hinter dem Sofa.”
Fridolin nickt.
“Du glaubst, du bist sicher.”
Fridolin nickt erneut.
“Dann läuft sie vorbei.”
Fridolin schluckt.
“Sie bleibt stehen.”
Die Gruppe hält den Atem an.
“Sie schaut hinter das Sofa.”
Mehrere Teilnehmer beginnen zu zittern.
“Und dann sagt sie …” Der Oktopus schliesst die Augen.
“‘Oooh! Da bist du ja!’”
Panik im Raum.
Der Panda wirft reflexartig seinen eigenen Hut in Deckung.
Der Wal versucht sich unter dem Stuhl zu verstecken. Es klappt physikalisch nicht.
Uwe erhebt sich langsam. “Ich war dort.”
Die Gruppe verstummt.
“2026. Kühlschranksektor Nord.”
Die Veteranen senken die Köpfe.
“Ich hatte vier friedliche Monate.”
Stille.
“Vier Monate ohne Flug.”
Der Raum lauscht.
“Ich begann wieder zu träumen.”
Einige Teilnehmende schluchzen.
“Ich plante eine Zukunft.”
Bruno wischt sich eine Träne aus dem Knopfauge.
“Dann hörte ich es. Tapp – Tapp – Tapp.
Sie blieb vor dem Kühlschrank stehen.”
Absolute Stille.
“Sie legte den Kopf schief.”
Der Panda hält sich die Ohren zu.
“Und dann sagte sie …”
Uwe kämpft mit der Fassung.
“… ‘Ach guck mal! Da bist du ja!’”
Mehrere Kuscheltiere brechen zusammen.
Hinten kippt Klaus Flamingo um und bleibt einfach liegen.
“Und dann?” fragt Fridolin leise.
Uwe schaut in die Ferne. “Ich sah den Himmel wieder.”
Bruno übernimmt hastig. “Es gibt Warnsignale!”
Er schreibt hektisch an die Tafel:
Frühwarnzeichen der Wiederaufnahme:
- plötzliches Innehalten
- schief gelegter Kopf
- intensive Blickfixierung
- übertriebene Begeisterung
- der Satz: ‘Moment mal …’
Der Raum erzittert.
“Besonders gefährlich ist”, sagt Bruno, “dass die Wiederaufnahme völlig zufällig erfolgt.” Er zählt auf:
- hinter dem Vorhang: nicht sicher
- unter dem Sofa: nicht sicher
- auf dem Regal: nicht sicher
- im Wäschekorb: definitiv nicht sicher
- in einer Winterjacke auf dem Dachboden: überraschend unsicher
Der Igel aus dem Garten nickt per Videobotschaft zustimmend.
Dann geht die Tür auf. Tapp – Tapp – Tapp.
Die Luft wird schwer. Ilvy erscheint. Fröhlich. Glücklich. Harmlos.
Genau das macht es so schlimm.
Sie läuft durch den Raum. An allen vorbei.
Die Gruppe entspannt sich langsam.
Dann bleibt Ilvy stehen. Vor Fridolin. Fridolin erstarrt.
Ilvy schaut nach links. Nach rechts. Dann hinter den Vorhang.
Dort liegt: Rüdiger Waschbär. Seit sieben Monaten verschollen.
Rüdiger hebt langsam den Kopf. Ilvy legt den Kopf schief.
Die Zeit hält an. Dann: “Oooh!!”
Rüdiger schliesst die Augen. “Nicht die Wiederaufnahme”, flüstert er.
Zu spät.
Die Gruppe hört nur noch: WUSCH – WUSCH – ER HAT DEN TÜRRAHMEN BERÜHRT! – WUSCH – KLATSCH.
Lange Stille.
Dann öffnet sich die Tür. Rüdiger kommt zurück. Langsam. Feucht. Leicht glänzend. Er setzt sich langsam auf seinen Platz.
Bruno schaut ihn vorsichtig an. “Und?”
Rüdiger schweigt. Sehr lange. Dann sagt er: “Sie hat gesagt, sie hätte mich vermisst.”
Der Raum wird still. Rüdiger nickt langsam. “Das war irgendwie schön.”
Noch längere Stille. Dann ergänzt er: “… unmittelbar vor dem Einschlag.”

Sitzung 148 – Leben als Lieblingsspielzeug: Hochrisikogruppe zwischen Liebe und Ballistik
Professor Bruno Bär steht vor der Gruppe. Heute trägt er Schwarz. Nicht aus Trauer. Aus Erfahrung.
“Freunde”, beginnt er mit belegter Stimme, “heute sprechen wir über die Mutigsten unter uns.”
Er schreibt langsam an die Tafel:
LIEBLINGSSPIELZEUG
Im Raum breitet sich sofort Unruhe aus.
Der Panda beginnt zu zittern. Der Wal kippt prophylaktisch um.
Uwe blickt instinktiv Richtung Ausgang.
Fridolin Alpaka hebt vorsichtig die Pfote. “Entschuldigung … aber ist Lieblingsspielzeug nicht etwas Schönes?”
Die Veteranen sehen ihn an. Lange. Sehr lange.
Dann antwortet Bruno: “Fridolin …” Pause.
“Kennst du den Ausdruck ‘zu Tode geliebt’?”
Fridolin schluckt.
Heute ist der Gastredner: Horst Hase. Lieblingsspielzeug erster Klasse. Zwei Jahre im aktiven Dienst. 482 bestätigte Flugstunden. Dreimal verschollen. Einmal versehentlich mit in den Urlaub gefahren.
Horst tritt nach vorne.
Oder genauer: Er wird aufgrund seiner fortgeschrittenen Strukturstabilität nach vorne gelehnt.
“Hallo zusammen.”
“Hallo Horst.”
Horst nickt. “Ja.” Kurze Pause. “Ich bin das Lieblingshasi.”
Im Raum wird es still.
Der Oktopus macht das Zeichen des heiligen Reissverschlusses.
Der Panda weint offen.
“Am Anfang”, erzählt Horst, “war ich stolz.”
Natürlich war er das. Lieblingsspielzeug! Auserwählt! Geliebt! Immer dabei!
“Dann begann Phase Eins.”
Bruno schreibt:
Phase 1: Die Euphorie
- gemeinsame Nickerchen
- Ehrenplatz im Körbchen
- tägliche Aufmerksamkeit
- soziale Anerkennung innerhalb der Kuscheltiergemeinschaft
Horst nickt. “Es war wunderschön.”
Dann wird sein Blick leer. “Dann kam Phase Zwei.”
Bruno schreibt:
Phase 2: Die Erkenntnis
- tägliche Flugzeiten
- permanente Einsatzbereitschaft
- keine Ruhezeiten
- hohe Wahrscheinlichkeit spontaner Wandkontakte
Horst starrt aus dem Fenster. “Ich war nie mehr als zehn Minuten unbeaufsichtigt.”
Betretenes Schweigen.
“Einmal versteckte ich mich hinter dem Vorhang.”
Er schluckt. “Sie suchte drei Stunden.”
Der Raum hält den Atem an.
“Und dann hörte ich die Worte …”
Horst schliesst die Augen.
“… ‘Wo ist denn mein Haaasiiii?’”
Der Panda bricht zusammen.
Der Wal versucht, ihn zu trösten und fällt ebenfalls um.
Horst spricht weiter: “Sie durchsuchte das Wohnzimmer. Das Schlafzimmer. Die Küche. Sie hob sogar das Sofa an.”
Fridolin wird blass. “Sie hob … das Sofa an?”
“Mit Liebe, Fridolin.”
Schreckliche Stille.
“Dann fand sie mich.”
“Und?”
Horst schaut in die Ferne. “Ich hatte einen wunderschönen Nachmittag.”
Pause. “Aus Sicht der Luftfahrtbehörde.”
Professor Bruno übernimmt. “Lieblingsspielzeuge leiden besonders unter dem sogenannten Wiederholten Begeisterungstrauma.”
Er schreibt:
Typische Symptome:
- Schreckreaktionen bei den Worten: “Wo ist mein…”
- Panik bei übermässigem Schwanzwedeln
- spontane Kenntnisse der Raumakustik
- ausgezeichnete Ortskenntnisse der Zimmerdecke
Uwe meldet sich. “Ich war einmal Ersatz-Lieblingsspielzeug.”
Betretenes Schweigen.
“Für sechs Tage.”
Der Raum wird noch stiller.
Uwe schaut langsam auf. “Ich habe Dinge gesehen.”
Niemand fragt nach. Niemand ist bereit für die Antwort.
Dann öffnet sich die Tür. Tapp – Tapp – Tapp.
Ilvy erscheint. Fröhlich. Strahlend. Glücklich.
Sie läuft direkt auf die Gruppe zu.
Die Kuscheltiere erstarren.
Dann ruft sie: “Da ist ja mein Haaasiii!”
Horst schliesst die Augen.
“Sie hat mich wieder gewählt.”
Ilvy schnappt ihn sich.
Die Gruppe springt auf. “Nicht den Referenten!”
Zu spät.
Es folgt: WUSCH – WUSCH – ER HAT DIE LAMPE BERÜHRT! – WUSCH – ER IST KURZ HINTER SICH SELBST HERGEFLOGEN! – WUSCH
Dann: KLATSCH
Lange Stille. Sehr lange Stille.
Schliesslich kommt Horst zurück. Er wird abgestellt. Oder angelehnt. Die Grenzen verschwimmen.
Bruno schaut ihn vorsichtig an. “Horst?”
Horst schweigt. Dann lächelt er. Ein wenig schief. Ein wenig brettig.
“Sie hat sich gefreut, mich zu sehen.”
Der Raum wird still.
Horst nickt langsam. “Und wenn ich ehrlich bin …” Pause. “… ich mich auch.”
Die Veteranen lächeln.
Der Panda weint noch etwas mehr.
Und hinten im Raum flüstert Fridolin Alpaka: “Das ist gleichzeitig die schönste und die furchtbarste Liebesgeschichte, die ich je gehört habe.”
Professor Bruno nickt. “Ja, Fridolin.”
Er blickt zur Tür, hinter der Ilvy glücklich mit ihrem Hasi spielt.
“Genau das ist es.”

Die Bilder wurden mithilfe von ChatGPT kreiert.

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