Ilvy

die kleine Wölfin


Hundeschule – Ein Feldversuch mit durchschnittlich begabten Menschen

Es ist Samstag. Niemand zieht die Outdoorschuhe an. Niemand füllt die Leckerlitasche. Ich finde dieses Verhalten ausgesprochen unprofessionell. Sie nennen es Ferien der Hundeschule. Ich nenne es organisatorisches Totalversagen.
Nicht, dass ich die Hundeschule vermissen würde. Ich vermisse grundsätzlich nichts. Ausser Käse. Und Schnee. Und gelegentlich Käse im Schnee.
Nun ertappe ich meine Menschen jeden Samstag dabei, wie sie nichts Sinnvolles lernen. Mir fällt auf, dass sie ohne regelmässige Weiterbildung bereits wieder leicht nachlassen. Sie reagieren langsamer. Die Leckerliausgabe erfolgt unkoordiniert. Die Spaziergänge sind schlecht organisiert.
Mir ist langweilig. Nicht sehr. Nur so viel, dass ich gestern den Staubsauger fünf Minuten lang angestarrt habe, bis er nervös wurde.

Ich erzähle euch also ein bisschen von der Hundeschule. Die war notwendig, weil meine Menschen ein paar Schwierigkeiten im Alltag gezeigt hatten. Irgendjemand musste ja schliesslich dafür sorgen, dass meine Menschen wenigstens ein bisschen alltagstauglich wurden.

Ich erinnere mich noch an den ersten Tag. Die Menschen begrüssten sich freundlich. Die Hunde ebenfalls. Allerdings auf deutlich professionellerem Niveau. Die Menschen hatten Leinen in den Händen und diesen typischen Gesichtsausdruck von Lebewesen, die kurz davor sind, sich selbst in Schwierigkeiten zu bringen.

Ich war vorbereitet. Meine Menschen dagegen brachten nur sich selbst mit. Keinen Geruchssinn. Keine vernünftige Geschwindigkeit. Keine Ahnung.

Eine Frau stellte sich in die Mitte und erklärte den Menschen ganz viele Dinge. Sie redete von Konsequenz, Geduld und klarer Kommunikation. Ich nickte zustimmend. Endlich sagt es mal jemand. Aber nach etwa drei Minuten wurde klar: Sie hatte das Konzept Mensch massiv überschätzt. Sie erklärte den Menschen, sie müssten ihre Hunde führen. Ich sah mich kurz um. Niemand lachte. Offenbar meinte sie das ernst. Mutig.

Dann begann die erste Übung. “Sitz!” Ich setzte mich. Nicht, weil man es mir gesagt hatte. Sondern weil ich sehen wollte, was als Nächstes passiert. Mein Mensch begann sofort zu jubeln. Alle freuten sich. Mein Mensch griff in die Tasche und bezahlte mich mit einem Leckerli. Ich wiederholte den Versuch. Wieder ein Leckerli. Nach dem fünften Mal war klar: Der Mensch war erstaunlich leicht zu konditionieren. Ganz ehrlich … ich habe lediglich meinen Hintern auf den Boden gesetzt. Das schaffen Stühle seit Jahrhunderten. Die Erwartungen an uns Hunde sind manchmal erschreckend niedrig. Ich machte mir innerlich eine Notiz: «Sitzen = Leckerli erzeugen». Ich musste also lediglich den Hintern kurz auf den Boden setzen. Schon öffnete sich der Leckerliautomat.
Bis heute funktioniert dieses System zuverlässig. Mein Mensch war nach wenigen Wiederholungen hervorragend programmiert. Menschen lernen zwar langsam, aber wenn Futter im Spiel ist, entwickeln sie erstaunliche Routinen.

Danach kam “Platz!” Auch kein Problem. Ich legte mich hin. Wieder grosses Theater. Leckerli. Lob. Begeisterung. Ich erledigte das nicht aus Gehorsam. Ich wollte kurz liegen. Man darf sich schliesslich auch während der Arbeit erholen. Mein Mensch hielt das für einen Lernerfolg. Ich hielt es für ein Missverständnis. Es war für uns beide ein schöner Moment.

Dann wurde es schwieriger. Es kam das Kommando “Warte.” Ich war ehrlich verwirrt. Wenn sich jemand nicht bewegen sollte, dann höchstens die anderen. Warum sollte ich freiwillig irgendwo bleiben? Während sich mein Mensch entfernte, mit der Leckerlitasche? Interessanter Vorschlag. Ich entschied mich stattdessen, ihm zu folgen. Man kann einen Menschen doch nicht einfach unbeaufsichtigt lassen.
Die Trainerin meinte, das sei “noch ausbaufähig”. Ich finde, mein Mensch ist ausbaufähig. Er hätte einfach stehen bleiben können. Die Trainerin sprach von “mangelnder Distanzkontrolle”. Da musste ich kurz lachen. Wer kontrolliert hier eigentlich wen? Nun, die Trainerin meinte, ich hätte die Übung nicht verstanden. Nein. Sie hatte die Hierarchie nicht verstanden.

Die schwierigste Lektion war der Rückruf. “Illlvvyyyy!” Natürlich hörte ich meinen Namen. Ich bin ja kein Goldfisch. Ich habe ausgezeichnete Ohren. Ich höre sogar Mäuse niesen. Kühlschranktüren aus zwei Stockwerken Entfernung. Und Käsepapier aus dem Nachbarsdorf. Ich ignorierte den Ruf nicht. Ich führte lediglich eine gründliche Risikoanalyse durch.
Option A: Sofort zurücklaufen.
Option B: Noch schnell diesen faszinierenden Geruch untersuchen, der vermutlich von einem Wildschwein, drei Rehen, einem Fuchs, zwei Eichhörnchen und möglicherweise einem Einhorn stammt. Ich entschied mich für wissenschaftliche Genauigkeit.

Mein Mensch rief und rief. Offenbar übte er Aussprache. Ich wollte ihn nicht unterbrechen. Ich wollte seine Ausdauer fördern. Man soll Lernprozesse nicht unnötig verkürzen. Menschen müssen lernen, dass die Welt nicht immer sofort auf sie reagiert. Das nennt man Frustrationstoleranz. Eine wichtige soziale Kompetenz.
Beim dritten Rufen klang er motiviert. Beim achten leicht nervös. Beim fünfzehnten verzweifelt. Beim zwanzigsten hatte er eine bemerkenswerte spirituelle Tiefe erreicht. Jetzt war mein Mensch emotional ausreichend gereift. Er klang deutlich demütiger. Erst dann erschien ich. Bildung braucht Zeit.

Tja, Menschen nennen mich stur. Interessant. Der Mount Everest wird schliesslich auch nicht als ‘stur’ bezeichnet, nur weil er sich nicht bewegt.

Es gab auch Gruppenübungen. Alle Hunde sollten ruhig nebeneinander sitzen. Das klappte erstaunlich gut. Die Hunde verstanden die Aufgabe. Die Menschen dagegen redeten. Ununterbrochen. “Wie alt ist deiner?” “Was frisst er?” “Schläft er durch?”
Ich sass daneben und fragte mich ernsthaft, ob diese Spezies jemals still sein kann.

Besonders spannend war die Begegnung mit den anderen Hunden.
Da gab es den Klassenstreber. Der gehorchte sofort. Immer. Ohne nachzudenken. Ich glaube, der hätte sich sogar selbst angeleint, wenn man ihn nett gefragt hätte. Ich bin ziemlich sicher, wenn sein Mensch gesagt hätte: “Flieg zum Mond.” … hätte er zumindest Anlauf genommen. Sehr fleissig. Aber eindeutig übermotiviert.
Dann gab es den Clown. Der rannte grundsätzlich in die falsche Richtung. Ein interessantes Geschäftsmodell. Ich mochte ihn sofort.
Und da war noch ein Hütehund. Der arbeitete ständig. Ununterbrochen. Der hätte vermutlich auch nachts noch Schafe sortiert, wenn zufällig welche durchs Schlafzimmer gelaufen wären.
Nicht zu vergessen, diese filigrane Hündin. Ungefähr so gross wie mein Frühstück. Sie erklärte jedem Schäferhund, Labrador und Berner Sennenhund, wer hier das Sagen hatte. Mutig. Oder schlecht informiert.
Oh, und der Graue war beeindruckend. Er diskutierte grundsätzlich jedes Kommando. Mit einer Ausdauer, vor der selbst ich respektvoll nickte. Ich mochte ihn sofort. Er hatte Charakter.

Ganz anders die Menschen. Die verhedderten sich regelmässig in ihren eigenen Leinen. Einmal band sich einer versehentlich an einen Baum. Ein anderer warf den Ball in die exakt entgegengesetzte Richtung, in die er zeigen wollte. Eine Frau lobte versehentlich den falschen Hund. Niemand bemerkte den Fehler. Ausser uns Hunden. Wir beschlossen aus Höflichkeit zu schweigen.

Irgendwann erklärte die Trainerin: “Hunde testen ihre Grenzen.” Ich verschluckte mich fast an meinem Leckerli. Grenzen? Welche Grenzen? Ich teste höchstens, ob Menschen heute intelligenter sind als gestern. Die Antwort lautete fast immer: Nein.

Einmal mussten wir aneinander vorbeilaufen, ohne miteinander zu spielen. Die Menschen nannten das Impulskontrolle. Ich nenne es Zeitverschwendung. Da laufen sechs Hunde im Kreis …
…und KEINER darf den anderen beschnuppern. Das wäre ungefähr so, als würde man sechs Menschen in eine Bäckerei stellen und ihnen verbieten, Brot anzuschauen.

Besonders beeindruckt hat mich die Leckerli-Wirtschaft. Die Menschen liefen mit Taschen voller Käse, Wurst, Poulet und getrockneten Köstlichkeiten herum. Und trotzdem bekam man immer nur ein winziges Stück. Wie auch immer sich diese Rationierung erklären lässt.

Zwischendurch mussten wir Fuss laufen. Also die Menschen sollten lernen, ordentlich neben mir zu gehen. Das war dringend nötig.

Dann mussten wir an Würstchen vorbeilaufen, ohne sie zu fressen. Die Trainerin nannte das Impulskontrolle. Ich nenne es Lebensmittelverschwendung. Was genau ist der Plan? Ein Würstchen liegt da. Niemand isst es. Alle gehen weiter. Menschen entwickeln manchmal Konzepte, die selbst mit sehr viel gutem Willen keinen Sinn ergeben.

Inzwischen machen sich meine Menschen ganz ordentlich.
Sie bringen Futter. Sie öffnen Türen. Sie füllen meinen Wassernapf. Sie tragen meine Leckerlis. Sie bezahlen Rechnungen. Sie räumen mein Spielzeug weg. Sie heben Dinge auf, die ich absichtlich fallen lasse. Sie fahren mich in den Wald. Nicht immer auf Anhieb. Aber mit viel Geduld konnte ich sie zu recht zuverlässigen Begleitmenschen ausbilden. Kurz gesagt: Sie sind brauchbare Mitarbeitende geworden. Kein Spitzenpersonal. Aber man kann mit ihnen arbeiten. Endlich begreifen sie, dass “Ich komme gleich” aus Hundesicht zwischen drei Sekunden und nächsten Dienstag bedeuten kann.
Sie haben ihren Platz im Rudel gefunden. Nicht ganz oben. Aber solide im unteren Mittelfeld. Ich bin stolz auf sie. Mehr oder weniger.

Nach den Ferien lernen sie hoffentlich endlich die wirklich wichtigen Kommandos:
“Mehr Käse.”
“Noch mehr Käse.”
“Nein, DAS war immer noch zu wenig Käse.”
“Grill an.”
“Kühlschrank auf.”
“Noch ein Leckerli.”
Und mein persönlicher Favorit:
“Das Sofa gehört der Hündin.”

Man soll Menschen schliesslich fördern.
Sie geben sich Mühe. Meistens.
Ich bin zuversichtlich. Sie machen Fortschritte. Langsame. Sehr langsame. Aber ich gebe sie nicht auf.

(Die Bilder wurden mithilfe von ChatGPT erstellt)


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